Generation Y: Wie bewerbe ich mich erfolgreich?

(Mit Bezug auf eine Diskussionsrunde vom 07.10.2015, einzusehen unter http://bit.ly/1LoZv6O)

Die Generation Y will weniger Hierarchie, verzichtet auf Statussymbole und sucht Sinn in ihrer Arbeit. Diese einfache Sicht der Dinge findet sich in den HR-Debatten der letzten Jahre.

In der Tat hat sich die Arbeitswelt in den letzten 15 Jahren stark verändert. Das hat Auswirkungen auf Unternehmen und auf Bewerberinnen und Bewerber. Im Großen und Ganzen gilt: Grenzen verschwimmen. Hierarchische Grenzen, zeitliche Grenzen, thematische Grenzen – wo die Generation X (und Ältere) sich dank klarer Strukturen gut zurechtfanden, wären sie heute verloren.

Für die Jüngeren ist die Entwicklung ein zweischneidiges Schwert: Weniger Hierarchie fühlt sich gut an, aber ein Unternehmen ist kein Debattierclub; viele Mitarbeiter wünschen sich klare Ansagen mit überzeugender Begründung. Weniger zeitliche Grenzen bieten Raum für eine bessere Verbindung privater mit beruflichen Belangen, aber sie bergen das Risiko der ständigen Verfügbarkeit; immer mehr Mitarbeiter zwingen sich zum Abschalten aller Geräte am Abend. Weniger thematische Grenzen ermöglichen das Arbeiten jenseits der eigenen Kernkompetenz. Oft ist aber nur die Arbeit einer anderen, vakanten Position mit zu erledigen, ohne dass ein Entwicklungsplan dahinter stünde.

Sich heute erfolgreich zu bewerben, setzt zwei Erkenntnisse voraus: Bewerber müssen wissen, was sie wollen. Und Bewerber müssen wissen, was ihr möglicher Arbeitgeber bietet.

  1. „Was will ich?“

Auf diese abstrakte Frage geben alle Menschen dieselbe Antwort: Geld, Anerkennung, Entwicklungsmöglichkeiten, ein nettes Team, eine gute Führungskraft und eine Arbeit die Spaß macht und sinnvoll ist. In der Phase der eigenen Orientierung darf man sich mit diesen Schlagworten nicht begnügen, sondern muss in die Tiefe gehen und Antworten auf diese Fragen suchen:

  • Welches Einkommen ist für die Arbeit, die ich anbieten kann, realistisch?
  • Aus welchen Quellen habe ich für Leistungen in der Vergangenheit Anerkennung erhalten, die mir viel bedeutet hat?
  • Möchte ich mich fachlich, hierarchisch oder methodisch weiterentwickeln, und bietet mein potenzieller Arbeitgeber dafür gute Möglichkeiten?
  • In welchen Teamkonstellationen habe ich bereits erfolgreich gearbeitet, und was hat dieses Miteinander ausgemacht?
  • Auf welche Form der Führung reagiere ich mit Leistung?
  • Welche produktive Tätigkeit hat mich besonders erfüllt?

Sammeln Sie Erkenntnisse über sich selbst, indem Sie sich diese Fragen nach bestem Wissen selbst beantworten, indem Sie Freunde und Bekannte fragen, oder suchen Sie nach einem neutralen Dritten, der Sie methodisch unterstützt.

  1. „Was bietet mir mein möglicher Arbeitgeber?“

Die Arbeitgeber haben gelernt: Sie versprechen Geld, Anerkennung, Entwicklungsmöglichkeiten, ein nettes Team und Arbeit, die Spaß macht und sinnvoll ist. Sehen Sie sich aktuelle Stellenausschreibungen an, Sie werden diese Punkte finden. (Nicht versprochen werden gute Führungskräfte. Schade eigentlich, dass sich das niemand traut; sie sind die wichtigste Bezugsperson für Mitarbeiter und beeinflussen die berufliche Entwicklung maßgeblich.)

Dehnen Sie Ihre Recherchen also über den Text der Stellenanzeige und der Unternehmenswebsite aus. Nutzen Sie Bewertungsportale wie kununu (aber legen Sie nicht jede Bewertung auf die Goldwaage). Sprechen Sie Freunde und Bekannte darauf an, wie es in dem Unternehmen wirklich ist, oder suchen Sie über XING nach einem indirekten Kontakt, der Ihnen Auskunft geben kann.

Die wichtigsten Antworten gibt Ihnen das Unternehmen durch sein Produkt (oder seine Dienstleistung) und durch seine Geschichte. Banken und Versicherungen sind seit Jahrzehnten am Markt und stehen für Sicherheit; das heißt: Langsamkeit, Gründlichkeit, kein Risiko. Internet-Startups sind seit Wochen am Markt und stehen für Unsicherheit; das heißt: Existenzgefahr, Tempo, Chaos. Erstellen Sie ein Profil Ihres Zielunternehmens, und orientieren Sie sich an diesen Fragen:

  • Welche Leistung erbringt das Unternehmen?
  • Wie lange ist es am Markt?
  • Wie schnell hat es seine Größe verändert (Mitarbeiteranzahl, Umsatz, Standorte,…)
  • Wem gehört das Unternehmen?
  • Wie ist es finanziert?

Sammeln Sie Informationen, suchen Sie übereinstimmende Merkmale und priorisieren Sie, was Ihnen besonders wichtig ist.

  1. Die Bewerbungsphase

Nun beginnt die Arbeit der eigentlichen Bewerbung. Meist enthält sie die Phasen „Bewerbungsunterlagen verschicken“, „Telefoninterview“ und „Bewerbungsgespräch“. Die Führungskraft oder die Personalabteilung (heute meist: „HR“ für Human Resources, „Recruiting Manager“ oder neuerdings auch „Feelgood Manager“) möchte möglichst viel darüber erfahren, was Sie bisher gemacht haben und wie Sie die Dinge angegangen sind. Die Vergangenheit ist die beste Quelle für Prognosen; wie sie sich früher verhalten haben, werden Sie sich ziemlich sicher in Zukunft wieder verhalten.

  • Sie erstellen Ihren Lebenslauf so, dass dem Leser deutlich wird über welche fachliche Expertise Sie verfügen, und welche Aspekte Ihnen an Ihrem zukünftigen Arbeitgeber besonders wichtig sind. Einige Arbeitgeber verzichten auf ein Dokument dafür und akzeptieren das XING-Profil für die Bewerbung. Viele Arbeitgeber setzen ein „ATS“ ein, ein „Application Tracking System“, über das die elektronische Bewerbung administriert wird. Die meisten Arbeitgeber akzeptieren eine Email-Bewerbung mit Anhängen.
  • Sie haken nach, wenn Sie binnen 14 Tagen keine Rückmeldung von dem Unternehmen erhalten haben, bei dem Sie sich beworben haben. (Sich nicht auf Bewerbungen zurückzumelden, ist eine mittlerweile viel zu oft praktizierte Form der Absage; finden Sie sich nicht damit ab.)
  • Richten Sie sich technisch mindestens auf ein Telefon-, oft auf ein Skype-Interview (oder hangout oder facetime…) ein. Licht und Ton müssen ok sein, eine weiße Wand als Hintergrund ist nicht sehr aussagestark.
  • Üben Sie es, Ihren Werdegang in wenigen Minuten zu schildern. Kurz, präzise und gut formuliert soll es sein, Veränderungen aller Art müssen lediglich plausibel erklärt werden, rechtfertigen müssen Sie sich für nichts. Schweifen Sie in der Erzählung über sich selbst nicht ab und verlieren Sie sich nicht in Details. Drei Mal üben ist Pflicht: mit einem Spiegel, mit dem Partner oder mit einem Freund.
  • Bereiten Sie die Fragen vor, auf die Sie Antworten brauchen, um sich ein vollständiges Bild vom Unternehmen, seinen Angeboten und den Möglichkeiten machen zu können. Anhaltspunkte: siehe oben.
  • Schreiben Sie die Fragen auf, die Sie selbst betreffen: was Ihnen bei der Arbeit wichtig ist, um welche Inhalte es geht, warum die Stelle frei ist, welche Ziele die Abteilung aktuell hat, wie groß das Team ist… und so weiter.
  • Achten Sie bei Ihren Fragen auf Sachlichkeit. Vermeiden Sie den Eindruck, als würden Sie Forderungen stellen. Das kommt nicht gut an.
  • Fragen Sie nicht: Wie viele Urlaubstage gibt es? Kann ich ein Sabbatical machen? Wann ist Dienstschluss? Gibt es eine Kantine? Wird Mehrarbeit ausgeglichen? Vermeiden Sie alle Fragen die danach aussehen, dass Sie es sich besonders bequem machen möchten. Natürlich sind auch diese Fragen für den späteren Arbeitsalltag wichtig. Aber im ersten und zweiten Gespräch stellen sie ein vermeidbares Risiko dar.
  • Versetzen Sie sich zur Vorbereitung in die Rolle Ihres Gesprächspartners und fragen Sie sich, was er wird wissen wollen. Wie viele Bewerbungen von Ihrer Qualität wird er haben? Nach welchen Kriterien wird er seine Entscheidung treffen? Welche aus dem Lebenslauf abgeleiteten Fragen bieten sich an? Wie wird er auf Ihre Fragen reagieren?

Ihre Gesprächspartner wollen Sie so gut wie möglich kennenlernen. Eine ungezwungene Atmosphäre erleichtert das, entspannt ins Gespräch zu gehen ist besser als nervös zu sein. Ob Sie entspannter sind, wenn Sie sich perfekt vorbereitet haben, oder ob Sie der Typ sind, der wenig vorbereitet am lockersten ist, das wissen Sie selbst am besten. Beschäftigen Sie sich mit der Bewerbungssituation, aber übertreiben Sie es nicht. Gehen Sie am besten davon aus, dass Sie es sind, die oder der eine Entscheidung zu treffen hat. Und vielleicht haben Sie sogar einen Plan B; das entspannt am meisten.