Mit Vera auf Personalsuche

Weltweit testen viele Firmen, ob sich der Rekrutierungsprozess mit Robotern steuern lässt. Robot Recruiting ist ein Algorithmus-basiertes Recruiting. Algorithmen durchsuchen Lebenslauf-Datenbanken, Social-Media-Kanäle und Jobbörsen nach passenden Kandidaten. Die Software soll den Auswahlprozess beschleunigen und effizienter gestalten.

Ein aktuelles Beispiel für Robot Recruiting ist der Roboter Vera, entwickelt vom russischen Start-Up-Unternehmen Stafory. Vera kann mehrere Hunderte oder Tausende Telefoninterviews gleichzeitig führen und schließlich diejenigen Kandidaten auswählen, die sich beim Unternehmen vorstellen dürfen. Laut Stafory müssen Unternehmen rund 100 Anrufe am Tag tätigen, um 20 potentielle Bewerber zu erreichen. Vera kennt 13 Milliarden Wörter aus über 100.000 Joblisten sowie TV und Wikipedia. Sie spricht Englisch und Russisch unterschiedlich schnell und kann männlich oder weiblich sein. Vera kann sortieren, anschreiben, anrufen, Fragen stellen, Ja/Nein aufnehmen, absagen oder einladen.

In Russland gibt es Vera bereits seit 2016. Laut Bloomberg haben Vera schon über 300 Unternehmen getestet, darunter Ikea, Pepsi und L`Oreal. Für Pepsi zum Beispiel hat Vera 40.000 Anrufe getätigt, 37.000 Mails verschickt und mehr als 100 Bewerber haben ein Interview überstanden, so das Unternehmen auf seiner Website robotvera.com.

Aber was kann der Recruiting-Roboter wirklich? Wir haben uns Vera näher angeschaut.

Wie arbeitet Vera?

Vera wird mit einem vorab definierten Stellentitel, einer Jobbeschreibung und Interviewfragen zugeschnitten auf das jeweilige Unternehmen gefüttert. Anhand des Jobtitels sucht sie in externen Profil-Datenbanken wie CareerBuilder, Avito und Superjob nach passenden Bewerbern. Wenn ein Kandidat gefunden ist, ruft Vera an.

Die Fragen sind standardisiert, können aber individualisiert werden. In der Regel sind es zwei Fragen wie beispielsweise: „Hallo, hier ist Vera. Ich bin ein Roboter. Ich suche für das Unternehmen XY einen Sachbearbeiter? Wollen Sie mehr über das Unternehmen und die Position erfahren?“ Bejaht der Kandidat die Frage, stellt Vera eine zweite Frage: „Das Unternehmen zahlt monatlich ein Gehalt von XY. Der Arbeitsplatz ist in Hamburg. Sind Sie noch an dem Job interessiert?“

Bejaht der Kandidat auch die zweite Frage, kann Vera ein ausführlicheres Telefon- oder Video-Interview führen. Das Gespräch dauert in der Regel circa 8 Minuten. Vera gibt eine kurze Zusammenfassung des Jobs, arbeitet ihren Fragenkatalog ab, soll aber auch in der Lage sein, einige Fragen zu beantworten. Laut Unternehmen würden 82 Prozent der Antworten richtig sein. Vera gibt dann eine Einschätzung ab und das Unternehmen entscheidet, ob der Kandidat eingeladen wird oder nicht.

Worin liegt das Potenzial von Vera?

Das Potenzial von Vera liegt sicherlich darin, dass sie sieben Tage die Woche 24 Stunden arbeiten kann und dabei mehrere Hunderte und Tausende Anrufe pro Tag gleichzeitig führen und eine simple Vorauswahl treffen kann. Insbesondere bei großen Unternehmen mit Unmengen von Bewerbungen bedeutet die Vorauswahl viel Arbeit und Zeit. Am effektivsten ist die Software, wie auch das Unternehmen betont, bei einfachen Berufen wie Sachbearbeiter, Bau, Verkauf etc.

Was kann Vera nicht?

Vera kann ein einfaches ja/nein-Gespräch führen, ein tiefergehender Dialog ist (noch) nicht möglich. Vera reagiert auf Schlagwörter, kann aber nicht wirklich verstehen, was der Bewerber sagt. Die Technologie stößt bei der Spracherkennung noch immer an ihre Grenzen.

Eine Einschätzung zur Qualifikation des Kandidaten ist daher recht schwierig. Sie kann auch keine Emotionen erkennen, wie Ärger, Freude oder Enttäuschung. Faktoren wie Sympathie und Antipathie, die grundsätzlich immer mitentscheiden, kann und wird Vera voraussichtlich auch in Zukunft nicht abbilden können.

Fazit: Den gesamten Recruiting-Prozess Vera zu überlassen, ist eher nicht darstellbar. Vera kann aber gerade bei großen Unternehmen mit einem großen Bewerberaufkommen und einem kontinuierlich hohen Personalbedarf einen Teilprozess abbilden. Da Vera als künstliche Intelligenz angelegt ist, entwickelt sie sich laufend weiter. Aber auch wenn Vera perfekt funktioniert, kann sie trotzdem gerade auf den höheren Ebenen des Bewerbungsprozesses kein Ersatz für eine menschliche Beurteilung sein.