Interview mit Stephan Dahrendorf: So gelingt der Quereinstieg – worauf Bewerber achten sollten

Dahrendorf_Stephan_256x256Als HR-Experte und Geschäftsführer von Inplace beraten Sie Menschen in Ihrer beruflichen Neuorientierung, unterstützen sie in der Bewerbungssituation und qualifizieren sie für die nächste Position. Wie sehen Sie die derzeitigen Berufsaussichten für Quereinsteiger?

Grundsätzlich profitieren Quereinsteiger als flexible Arbeitskräfte von demographischem Wandel und Fachkräftemangel. Eine berufliche Neuorientierung, ein Quereinstieg bleibt dennoch eine Herausforderung und sollte gut vorbereitet sein. Denn die Anforderungen an die Berufe haben sich stark verändert. Das „Was“ und das „Wie“ wir arbeiten hat sich verändert. Die Digitalisierung spielt hier eine große Rolle. Um in der digitalen Arbeitswelt erfolgreich zu sein, sind kontinuierliche Fort- und Weiterbildungen weitaus wichtiger als in früheren Jahren. Daneben wird mehr Mobilität und Flexibilität erwartet.

Welche Berufsgruppen sind offen für Quereinsteiger? Welche sind besonders aussichtsreich?

Das lässt sich so schwer benennen. Grundsätzlich wird in allen Berufsgruppen eingestellt. Bei kaufmännischen Berufsgruppen wie beispielsweise Assistenz- und Projektmanagementstellen ist der Markt freundlich und die Offenheit gegenüber Quereinsteigern am höchsten. Für redaktionelle Berufe ist der Markt angespannt und ein Quereinstieg schwierig, weil es viele Fachkräfte am Markt gibt. Bei gestalterischen Berufen werden zunehmend freiberufliche Mitarbeiter beschäftigt, so dass auch hier ein Quereinstieg, zumindest in eine Festanstellung, unwahrscheinlich ist. Bei stark technisch geprägten Stellen ist der Markt positiv, ein Quereinstieg wird aber nur gelingen, wenn die technischen Fähigkeiten gegeben sind.

Quereinsteiger bringen für Arbeitgeber immer ein gewisses Risiko mit. Was erhoffen sich Personaler, wenn sie Quereinsteiger einstellen?

Personaler erhoffen sich einen anderen Blickwinkel. Sie wünschen sich überzeugende, sozialkompetente und charakterstarke Persönlichkeiten. Quereinsteiger bringen oft neue, spannende, kreative Ideen und Erfahrungen mit ins Unternehmen. Zudem haben sie meist eine hohe Motivation, da sie sich in einer „fremden“ Branche beweisen müssen. Sie zeigen überdurchschnittlichen Einsatz kombiniert mit Wissensdurst und dem Willen erfolgreich zu sein.

Mal abgesehen von den fachlichen Qualifikationen, welche Eigenschaften brauchen Quereinsteiger, um in einem Unternehmen Fuß zu fassen?

Quereinsteiger brauchen ein hohes Maß an empathischen Fähigkeiten. Sie müssen sich einfühlen können in die Situation des Arbeitgebers. Sie müssen analytisch und kreativ denken, abstrahieren können, Bedürfnisse wecken und selbstbewusst sein. Außerdem sollten sie ihre Erfahrungen sinnvoll in die neue Aufgabenstellung übertragen können. Wichtig sind auch Aufgeschlossenheit und Anpassungsfähigkeit.

Worauf sollten Quereinsteiger bei den Bewerbungsunterlagen besonders achten, um sich von den anderen Bewerbern hervorzuheben?

Gerade Quereinsteiger sollten darauf achten, sachlich und seriös zu wirken. Es geht hier nicht darum, aufzufallen. Im Anschreiben ist eine logische Herleitung wichtig, man sollte sich nicht in Details verlieren. Die Herausforderung ist, darzustellen, wie man mit seinen Erfahrungen und Qualitäten die betreffenden Aufgaben meistern kann und welchen Mehrwert man als Quereinsteiger mitbringt. Der Bewerber sollte sich überlegen, worin er überdurchschnittlich gut ist, und auf diese zwei oder drei Talente ganz explizit in der Bewerbung hinweisen. Diese Talente müssen selbstverständlich für die entsprechende Stelle relevant und von Vorteil sein. Auf keinen Fall aber sollte der Bewerber darüber schreiben, was er nicht kann.

Viele fürchten bei einem Quereinstieg den „Bruch im Lebenslauf“. Ist das so?

Die Berufswelt hat sich grundlegend verändert. Heute spricht man von Veränderungen, Entwicklungen. Wir arbeiten nicht mehr 20 Jahre bei einem Arbeitgeber, wir arbeiten an verschiedenen Standorten, in verschiedenen Branchen. Ecken und Kanten zu haben ist ein Vorteil. Quereinsteiger sollten sich intensiv mit den Gründen für den Quereinstieg auseinander setzen, eine Plausibilität entwickeln. Dann ist auch kein Bruch da. Nicht die Abfolge der bisherigen Tätigkeiten sollte im Vordergrund stehen, sondern die übertragbaren Fähigkeiten, die Erfahrungen und Kompetenzen, die für den neuen Job wichtig sind.

Sind Initiativbewerbungen als Quereinsteiger sinnvoll?

Auf jeden Fall. Allerdings sollten Bewerber hier eine hohe Frustrationstoleranz mitbringen. Absagen sind keine Seltenheit. Bewerber sollten sich intensiv mit dem Unternehmen beschäftigen, genau analysieren, wo das Unternehmen einstellt, was das Unternehmen sucht und wo man seine Erfahrungen einbringen kann. Der Bewerber muss herausfinden, was für Bedürfnisse die Firma hat und in der Bewerbung herausstellen, warum er diese erfüllt. Er muss sich als Anbieter verstehen. Das Anschreiben sollte mutig sein, fokussiert auf eine bestimmte Position und eine Hypothese entwickeln. Je absurder die Idee, umso besser. Der Bewerber sollte Neugierde wecken.

Was raten Sie Quereinsteigern bei der Jobsuche?

Jobsuchende sollten immer Augen und Ohren offen halten. Eine tägliche Recherche in diversen Medien, soziale Netzwerke, Foren, Communities ist unerlässlich. Sie sollten sich ein realistisches Bild von den eigenen Talenten, Fähigkeiten und Leidenschaften machen. Sie sollten sich nicht auf Berufe konzentrieren, die gerade Konjunktur haben, sondern sich darüber im Klaren sein, was sie wirklich wollen und können. Wichtig ist auch, sein Netzwerk zu informieren, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Ist der Entschluss gereift und gefestigt, kommt die gezielte Bewerbung. Im Anschreiben sollte die Wechselmotivation nachvollziehbar begründet werden. Im Vorstellungsgespräch gilt es, authentisch zu bleiben und selbstbewusst aufzutreten.

Vielen Dank für das Gespräch.